Die Front verläuft durchs Altersheim
Packende Uraufführung der Oper "Im Westen nichts Neues"

Westfälische Nachrichten, 30. Sept. 2003
Christoph Schulte im Walde.

OSNABRÜCK
Wie ist die Kriegsfront auf der Opernbühne darstellbar? Wie der Kampf von Mann gegen Mann, die Todes-ängste und das Leiden, das qualvolle Sterben der Soldaten? Und zwar nicht in platten Bildern, womöglich noch realistisch wie die knallharten Berichte allabendlich im Fernsehen. Nancy Van de Vates Oper "Im Westen nichts Neues" stellte den Osnabrücker Oberspielleiter und Regisseur Thomas Münstermann vor diese Aufgabe. Der berühmte Roman des aus Osnabrück stammenden Erich Maria Remarque ist die Basis der anderthalbstündigen Oper, die am Sonntag zur Uraufführung gelangte. Mit großem Erfolg.

Münstermann hatte einen cleveren. intelligenten Ansatz. Alle Protagonisten: Bäumer, Kropp, Müller. Leer, diese blutjungen Schüler, die in Remarques Roman an die Front gnschickt werden - Münstermann lässt sie alt werden und setzt sie in ein Sanatorium (Ausstattung: JanBammes). Grau und faltig, gezeichnet von körperlichen Gebrechen, erinnern sie sich an die fürchterlichen Erlebnisse in ihrer Jugend, die keine war.

So changiert das Geschehen immer wieder zwischen Realität und Traum, den die vier Jungs ihr Leben lang als Alptraum mit sich herumschleppen. Gutmütiges Pflegepersonal ist zur Stelle, wenn die Last der Erinnerung zu groß wird. Verwandte zu Besuch - die erkennt Paul Bäumer schon gar nicht mehr.

Wie kleine Filmsequenzen zieht die (Kriegs-)Vergangenheit vorüber: Nett war es mit den drei hübschen Französinnen, belastend die Sache mit der todkranken Mutter. Grauslich der herrische Kamerad Mittelstaedt mit seiner ewigen Schinderei.

Je mehr die Qual wuchs und das Kriegsgeschehen heranrückte, desto häufiger verließ Münstermann die psychologische Seite seiner Deutung und griff zu drastischen Bildern, um die Barbarei des Krieges zu symbolisieren. Wie etwa Kotschmierereien aus Angst oder die Entmenschlichung des Soldaten durch den Verzehr rohen Fleisches. Das gipfelte dann in der völligen Zerstörung eines irgend-wie gearteten menschlichen Zusammenlebens. Die Bühne wurde zum Schauplatz des totalen Chaos.

Nancy Van de Vate, die in Österreich lebende amerikanische Komponistin Jahrgang 1930, hat ihr eigenes Libretto geschaffen, das zentrale Aussagen von Remarques Anti-Kriegs-Epos zuspitzend auf-greift. Ebenso greifbar und deutlich ihre musikalischen Bilder. Eine ganze Batterie von Schlagwerk schildert die Wirren des Krieges ebenso subtil wie martialisch und weiche, schwebende Streicher die Unsicherheit, die Furcht und das Hoffen des Soldaten Paul Bäumer.

Die Osnabrücker Symphoniker unter Hermann Bäumer erschaffen diese Klangwelten mit Mühelosigkeit und Präzision. Der große Erfolg dieser Uraufführung ist Verdienst des Orchestors sowie des gesamten Sängerensembles. Doch ihm gehören besondere Lor-beeren: Hans-Hermann Ehrich, dem Grandseigneur der Osnabrücker Oper. Mit scharfem psychologischem Blick versenkte er sich in die Rolle des Paul Bäumer, immer mit ungeheurer Intensität und schier unerschöpflichen Kraftreserven. Eine enorme Leistung!

Rausckender Applaus für alle Akteure. sowie für Nancy Van de Vate, die es sich nicht hatte nehmen lassen, die Uraufführung zu erleben.


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