Krieg der Bilder im Altenheim

Osnabrücker Zeitung 30. September 2003
Von unserem Redaktionsmitglied Ralf Döring

Sie sind, wie man sich die Pfleglinge eines Altenheims vorstellt: Manche ein wenig schrullig, manche noch ganz fit, manche gebrechlich. Einem ist vor Müdigkeit der Kopf auf die Tischplatte gesunken. Ein anderer schlurft hinter seinem Gehwagen her, der Nächste sitzt im Rollstuhl und wickelt den Verband von der offenen Wunde an seinem Bein. Alltag im Altenheim? Nicht ganz. Bedrohliche Klangflächen untermalen die Szene, einzelne Melodien treten hervor und verdichten sich zur gewaltigen Klangeruption. Die augenscheinliche Normalität ist vordergründig, eine dünne Schicht, unter der Angst, Ge-walt, Wahnsinn brodeln.

Die Alten hier haben diese Zustände durchlebt und darüber ihre Jugend verloren. Erich Maria Remarque hat ihnen ein Denkmal gesetzt mit seinem Roman „Im Westen nichts Neues“. Die Städtischen Bühnen Osnabruck haben diesen Roman bereits als Vorlage für eine Gemeinschaftsproduktion von Schauspiel und Tanztheater benutzt. Jetzt ging die erste Oper nach Remarques Roman uber die Buhne des Großen Hauses: Die Städtischen Bühnen präsentierten die Uraufführung des Werks von Nancy Van de Vate.
Die amerikanische Komponistin hat Szenen aus dem Ro-man extrahiert und zum Libretto für ihre 90-minütiges Oper verdichtet. Drei Jahren nach der Vollendung brachte sie Thomas Münstermann, Operndirektor der Städtischen Bühnen, nun heraus - in Osnabrück, der Heimat-stadt Remarques.
Mit einem glücklichen Einfall entledigt sich Münstermann der Hypotheken, die nach zwei berühmten Filmen auf dem Roman lasten. Er erzählt die Geschichte aus der Retrospektive - als Alptraum, der die Protagonisten unerbittlich einholt. So schleicht bereits zu Anfang ein grausam verstümmelter Veteran über die Bühne, ein Untoter, der später sogar noch einmal zum Leben erwacht. Ein Pfleger (Stefan Kreimer) wird zum Lehrer Kantorek, der die jungen Männer in den Krieg schickt: Mit unbarmherziger Kraft vermengen sich Erinnerung und Altersheim-Realität. Die entstehende Mischung ätzt allmählich die dunne Fassade des Alltags weg; immer mehr greift sich die schreckliche Vergangenheit Raum, verlagert sich das Schlachtfeld ins Altersheim. Und je weiter sich das Regie-konzept der Dynamik des Stückes überlässt, je mehr Theaterblut fließt und Pfleger zu Kriegsopfern werden, desto schwieriger wird der Weg zurück: Der Krieg zertrümmert den Handlungs-rahmen genauso, wie den anfangs so sterilen Aufenthalts-raum, den Jan Bammes gestaltet hat.
Nancy Van de Vate hat dazu eine bildhafte Musik geschrieben. Sie entwirft zarte Streichergespinste, entfesselt martialische Urkräfte, lässt das Unheil brodeln. Und sie zeigt auch Mut zur Komik: Zu manter punktierten Rhythmen versuchen Paul Bäumer und Kameraden, in den Armen dreier Französinnen die Kriegsschrecken zu vergessen. Nur eröffnet Van de Vates Musik keine zusätzlichen Dimensionen. Passagen des Romans, wie reflektionen Paul Bäumers, die sich der szenischen Umsetzung entziehen, blendet die Komponistin und Librettistin aus. Statt mit der Musik Assoziationsfelder zu erschließen, bebildert sie. Das aber gekonnt und ohne den Hörer zu verschrecken.
Das Osnabrücker Symphonieorchester unter dem kommissarischen Generalmusik-direktor Hermann Bäumer setzt die Partitur gewissenhaft um. Der Dirigent achtet auf durchsichtige Klangbilder, zeichnet fein die melodischen Verästelungen nach, lasst scharfe dissonante Schnitte zu. Und er trägt die Sänger auf Handen: Textverständlichkeit hat oberste Priorität.
Das Sängerensemble meistert die nicht immer bequemen Partien mit lockerer Selbstverständlichkeit. Allen voran der Hauptdarsteller: Hans-Hermann Ehrich ent-faltet die große Rolle des Paul Bäumer mit immensem Steh-vermögen. Auch am Schluss hat er noch genug Kraft, Wut und Verzweiflung lautstark zu artikulieren. Michael Tews imponiert als Katczynski, Christoph Nagler gibt dem untoten Offizier Mittelstaedt ein reiches Spektrum mit. Das dankt denn auch das Publikum der Uraufführung: zwar nicht mit Euphorie, aher doch mit langem Applaus.


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