Alte Schmiede: Nancy van de Vate
Idylle und Wahnsinnsarie

von Edwin Baumgartner, Wiener Zeitung, Kultur Donnerstag, 29. april 1999

In den fünfziger Jahren war die Musik in den USA überwiegend von der Mischung neoklassizistischer Stilelemente mit jenen des Verismo geprägt. Man darf einer damals sehr jungen Komponistin nicht vorwerfen, wenn sic sich ebenfalls in diese Richtung orientierte.

Nancy van de Vate lebt nämlich erst seit 1985 in Wien, musikalisch wurzelt sic in ihrem Geburtsland. Die Kammeroper "Der Tod des Tagelöhners" nach einem Gedicht van Robert Frost, deren deutsche Fassung in der Alten Schmiede uraufgeführt wurde, bereitet die tragische Geschichte um den Tod eines alten Gelegenheitsarbeiters in den Farben einer eingedunkelten Idylle auf. Nicht die so kantable wie konservative Sprache ist der Nachteil. Jedoch scheint der permanente Lyrismus uferlos, und der Zuhörer kann nichts Rechtes mit dem Stück anfangen, obwohl es weder Hor- noch Verständnisprobleme gibt.

Sulie Girardi und Charles Moulton sangen ihre Parts mit viel Ausdruck, die Instrumentalistinnen (Gudrun Winkler, Flöte; Andrea Wutschek, Violoncello; Amy Lynn Barber, Schlagzeug, und die Komponistin am Klavier) musizierten mit Konzentration und Klangschönheit.

In "Eine Nacht im Royal Ontario Museum" (nach Margaret Atwood) zeigt Nancy van de Vate dann ein anderes Gesicht - und zwar das einer wahrhaften Mu sikdramatikerin. Die Fantasien einer Frau, die über Nacht in einem Museum eingeschlossen ist, werden zum Alptraum zwischen Wahnsinn und Ironie nimmt seinen Lauf. Die Sängerin wird nur von einem Tonband begleitet. Die elektronisch manipulierten Klange sind ideale Äquivalente zu den "toten", doch mit Erinnerungen behafteten Ausstellungsobjekten. Die Deklamation der Singstimme steigert sich vom Rezitativ zum hysterischen Ausbruch. Sulie Girardi hat das mit großer Ausdruckspalette realisiert.

Die Moderation des Abends besorgte Christian Heindl, der Nancy van de Vate dem Publikum auch als hochintelligente Musikerin mit ungeheurem Charme vorzustellen wußte.

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