Da knallt ordentlich das Blech

Die suggestive Osnabrücker Uraufführung von Nancy Van de Vates Oper "Im Westen nichts Neues" nach Remarque

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. September 2003
ANDREAS OBST

Keine bessere Inspiration gebe es für den angehenden Schriftsteller als Krieg. Allenfalls eine unglückliche Kindheit könne auch helfen. Ernest Hemingways Bon-mot ist leicht mißzuverstehen. Es trägt den Hautgout des Machismo, des Unüberlegten, Zynischen sogar. Immerhin verdanken sich der Erkenntnis zwei groBe Romane des noch jungen Autors: "Fiesta", das von einer Gruppe entwurzelter Kriegs-veteranen erzählt, gestrandet in Paris und im nordspanischen Pamplona, und "In einem anderen Land", über den Zusammen-bruch der Isonzo-Front und das Widerstehen des Helden. Was Hemingway, der als amerikanischer Sanitätsfahrer in Italien gedient hatte, in diesen zwei Romanen ausbreitete – Zerstörung von Körper und Seele einer "verlorenen Generation" –, brachte der fast gleichaltrige Weltkriegs-teilnehmer Erich Maria Remarque in einem einzigen Buch unter: "Im Westen nichts Neues", im Spätherbst 1928 in der "Vossischen Zeitung" vorabgedruckt, wurde aus dem Stand ein Sensationserfolg. Längst gilt das Buch als gültige literarische Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg, dem Thema Krieg schlechthin.

Der Roman wurde zweimal verfilmt, zweimal in Amerika. An einer musikalischen Dramatisierung hat die Amerikanerin Nancy Van de Vate mit Unterbrechungen zehn Jahre lang gearbeitet, bis 1999. Das Werk fügt sich ein in ein musikdramatisches Panorama, das die bald dreiundsiebzig Jahre alte Komponistin über mehrere Jahrzehnte entworfen hat und das Eriegstrfahrunger, aus Epochen aus dem dreizehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart aufgreift – zu einer Art Schreckens-panorama weitet. Krieg ist kein wirklich neues Sujet der Musik. Schon Komponisten der Renaissance hatten Schlachten-getümmel musikalisiert, Prokofjew stemmte Tolstois "Krieg und Frieden" auf die Opernbühne, Philip Glass ondulierte in "CIVIL warS" den amerikanischen Bürgerkrieg, den ersten "modernen" Krieg der Weltgeschichte, was die industrielle Vernichtung von Leben angeht. Strawinsky, Zimmermann, auch Henze warfen tönende Schlaglichter auf den Kriegsbegriff des zwanzigsten Jahrhunderts.

Doch das Opus magnum der Oper über den Krieg ist noch nicht geschrieben "Dafür mag es Gründe geben, ästhetische vor allem, die aus der Natur des künstlerischen Materials abzuleiten wären - nicht weniger einleuchtende Argumente ließen sich auch für die Musik zur Darstellung von Krieg finden, weit über das konstitutive Moment des Lauten hinaus.

"Im Westen nichts Neues" führt der Diskussion neuen Stoff zu. Das ist nicht zu wenig. Im vorigen Jahr ließ Nancy Van de Vate ihre Remarque-Oper auf einem Wiener Label, das die Wahl-Österreicherin als künstlerische Leiterin betreut, einspielen. Da knallt ordentlich das Blech, allerhand Schlagwerk schnarrt, knarrt und explodiert, dazwischen dehnen sich melancholische Streicherkantilenen, und die Sänger singen gemessen modern, das heißt: sie deklamieren in nicht allzu waghalsigen Intervallsprüngen. Aus der Ferne werden bisweilen Marschmusik und Geschützdon-ner zugespielt.

Das Libretto, von der Komponistin selbst geschrieben, verläßt an keiner Stelle die Vorlage. Nancy Van de Vate hat Schlüsselszenen des Romans, der anstelle eines linearen Handlungsverlaufs nach dramaturgisch leicht durchschaubarem Muster Episoden extremer Gefühle als Reaktion auf unmittelbare physische Gewalt-einbrüche und geradezu pastorale Ruhe-szenen reiht, zu zwei Akten mit fünf Bildern neu montiert. So gesehen, ist das Libretto vor allem eine Listener's-Digest-Fassung des Romans.

Zum Ereignis kann diese Oper nur durch eine Inszenierung werden, die Distanz schafft zur Vorlage aus Buch und Film, gleichzeitig einen neuen Zugang findet, der auch in der kriegstelegenen Gegenwart zu überzeugen vermag. Es gelang bei der Uraufführung in Osnabrück. Erich Maria Remarque wurde dort vor 105 Jahren geboren, eine andere Beziehung zwischen Autor, stück und Bühne gibt es nicht. Doch gerade die Abwesenheit eines Grunds schärft den Blick auf die Großtat eins kleinen Stadttheaters. Der Inszenierung dort gelingt nicht weniger als ein neuer Blick auf den fünfundsiebzig Jahre alten Roman - zugleich fügt die Inszenierung der Rezeptionsgeschichte, langst gleichberechtigt neben dem Werk, eine weitere Facette hinzu. Womöglich ist es sogar eine ganz neue Verständnisebene. Der Regisseur Thomas Münstermann verlegt die Handlung an einen einzigen Ort: ein modernes Altenpfiegeheim, das die körperlichen und seelischen Leiden seiner Bewohner, Insassen wohl eher, mit der pragmatischen Professionalität des medizinischen Personals therapiert. Dieser Einfall erschließt dem Stück zugleich ein neues Thema: den Umgang mit Erinnerung, damit auch die Verarbeitung - diesen Aspekt hatte Remarque in der Vorrede seines Romans angemahnt: Dem Buch sei es um die Zerstörung einer Generation durch den Krieg zu tun, auch jenseits der Schützengräben.

Entschiedener noch als der Roman stellt Nancy Van de Vates Oper die Figur des Kriegsfreiwilligen Paul Bäumer in den Mittelpunkt, in der Osnabrücker Inszenierung ist der Neunzehnjährige zum Greis gealtert, ehne daß eine einzige Veränderung am Libretto vorgenommen wurde. Der Umgang mit der Vorlage ist bei dieser ersten Auslegung ein Kunststück für sich. Zwingend auch und viel eindrucksvoller, als es das doch eher plane Libretto nahelegt. wie im Verlauf des nur neunzig Minuten langen Stücks Wahn und Wahnsinn in die Erinnerung einbrechen: Das Ende ist ein Blutbad im Aufenthaltsraum des Altersheims. Wände stürzen ein. Rauch quillt aus den Fugen, dann schweigt auch die Musik.

Der Tenor Hans-Hermann Ehrich trägt das musikalische Gewicht der Oper fast allein, die anderen Rollen sind weniger dankbar angelegt. Das Orchester (Leitung: Hermann Bäumer) agiert präzise. Die Aufführung ist eine Tat, nicht nur für Osnabrück.


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