29.09.2003
Krieg im Altenheim: Oper «Im Westen nichts Neues» uraufgeführ

Von Thomas Strünkelnberg, dpa

Osnabrück (dpa) - Paul Bäumer kann nicht vergessen. Alt ist er geworden, doch noch im Altenheim holt ihn die Erinnerung an den Krieg ein. Und dieses Altenheim verwandelt sich in seinen Fantasien in ein Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges. Der Wahnsinn des Krieges symbolisiert durch den Wahn eines alten Mannes.

Von Thomas Strünkelnberg, dpa

Die Osnabrücker Uraufführung der weltweit ersten Opernfassung von Remarques "Im Westen nichts Neues" verzichtete am Sonntagabend auf aufwändige Schlachtengemälde, zeigte aber die Zerrissenheit der Kriegsopfer. Das Publikum feierte die mutige Interpretation des Werks der Amerikanerin Nancy Van de Vate mit gut viertelstündigem Applaus.

Es ist ein weiter Weg von der Vorlage des wohl berühmtesten Anti-Kriegs-Romans des Osnabrückers Erich Maria Remarque zu dem psychologischen Drama der dreiaktigen Opernfassung. Mehr und mehr verwischen die Grenzen des Realen, meisterhaft leiten Musik und Inszenierung vom Alltag zum Krieg über: Das Altenheim auf der Bühne wird mehr und mehr zum Schlachtfeld - ein beklemmendes, fast surreales Spiel mit der Szenerie und der Fantasie der Zuschauer. Und dafür benötigt Regisseur und Operndirektor Thomas Münstermann weder Uniformen noch Gewehre oder Stahlhelme.

"Wir haben eine ganz andere Idee kultiviert", schildert er seine Vision. "Wir kennen alle diese älteren Herren, die sich an den Krieg-erinnern. Bäumers Erinnerungen ergreifen von der Heimrealität Besitz." Ebenso beklemmend untermalt die Musik der 1930 in den USA geborenen und in Österreich lebende Komponistin das scheinbar so unpassende Geschehen: Zu dem Bild des Heimalltags mit gebrechlichen Menschen, Pflegern und Ärzten lässt das Osnabrücker Symphonieorchester unter der Leitung von Hermann Bäumer lautmalerisch Kanonendonner und Maschinengewehrfeuer ertönen.

Die 1989 begonnene und zehn Jahre später vollendete Oper ist nicht streng avantgardistisch, dafür aber emotional, zeitweise sogar schmerzlich schön und melodisch. "Es ist eigentlich schwer, eine Oper über Krieg zu komponieren", kommentiert Van de Vate. "Die Musik könnte zu gespannt werden." Die Amerikanerin erzählt die Geschichte von Paul Bäumer und seinen Freunden in kurzen, prägnanten Episoden: Der Schulmeister, der seine Schüler überredet, in der, Krieg zu ziehen, das Treffen mit den französischen Frauen, Pauls Heimaturlaub und seine Bemühungen, den toten Kameraden Katczynski zum Lazarett zu schleppen.

Im Mittelpunkt der neuen Oper um sieben deutsche Schuljungen, die im Ersten Weltkrieg an die Front geschickt werden, steht Hans-Hermann Ehrich (Tenor) in der Rolle des alten Paul Bäumer. Zwar ist Ehrichs Stimme gerade zu Beginn nicht ohne Schärfen. Dennoch wird der Sänger buchstäblich zur Stimme der Musik, wenn er seine Kriegserlebnisse erneut durchleidet. Bewegend spielt und singt er die Qual der Erinnerungen des alten Mannes

Wie die Verfilmungen - darunter die legendäre Version von Lewis Milestone von 1930 - ist die Oper amerikanischer Herkunft. Dies sei kein Zufall, betont Münstermann mit Blick auf den Irak-Krieg: "Es ist gewollt, dass sich eine amerikanische Stimme zu dem Thema Gewalt äußert."


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