Atmosphärisch & ergreifend (Opern-Weltaufführung "Im Westen nichts Neues")

Osnabrücker Nachrichten, 28. September 2003

Osnabrück (whs) - Eine sehr eigene Tonsprache. Atmosphärisch dicht. Dustere Depression, aber auch lichte Momente. Bewegend. Musik transportiert innere Zerrissenheit. Heute (19.30 Uhr) hebt sich in den Städtischen Bühnen der Vorhang für die Welturaufführung der Oper "Im Westen nichts Neues".

Dissonant-modem, traditionell-lyrisch - diese 90 Minuten am Stück mit starker Bildsprache wühlen auf. Es gibt viele romantische Momente in diesen drei Akten, dann ist wieder das Schlagzeug treibende Kraft. Der beruhmte Roman des Osnabrücker Autors Erich Maria Remarque um sieben deutsche Schuljungen, die im Ersten Weltkrieg kurz vor Kriegsende an die Front geschickt werden, bildet die Vorlage für die dreiaktige Oper der amerikanischen Komponistin Nancy Van de Vate (73), die sich dem Stoff auf sehr bilderstarke und musikalisch vielgestaltige Weise nahert Van de Vate begann mit der Arbeit an dem Stoff bereits 1989, zehn Jahre spater vollendete sie die Oper.

Es ist die bisher einzige Vertonung außerhalb der filmischen Bearbeitungen. Die deutsche Fassung des Librettos hat die Komponistin anhand der Remarqueschen Vorlage fur die Bühnen Osnabrück erstellt. Regisseur Thomas Munstermann und Ausstatter Jan Bammes betrachten diesen Stoff aus der Rückschauperspektive und zeigen die Protagonisten zu einem Zeitpunkt, an dem die tiefen Wunden des Krieges noch immer nicht verheilt sind, in Anlehnung an das Vorwort zum Roman: "Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Krieg zerstört wurde - auch wenn sie seinen Granaten entkam."

Die Arbeit auf der Bühne, wo der Aufenthaltsraum eines Pflegeheims den Blick zum Spiegel verletzter Seelen wird, ist intensiv. Die letzte Probenwoche verfolgte die Komponistin, die bisher 115 Werke in allen Bereichen komponierte vor Ort. Gleich nach ihrer Ankunft - sie lebt seit einigen Jahren in Wien, für außergewöhnliche musikalische Leistungen wurde ihr die doppelte Staatsbürgerschaft zuerkannt - war sie beeindruckt Sie erlebte staunend die Musical-Premiere der "West Side Story: "Man meint ja, Wien sei der Nabel des Musiktheaters. So eine Professionalität habe hier nicht erwartet, in den USA habe ich das Musical oft gesehen, aber so gut wie in Osnabrück noch nie. Einfach sensationell." Ergriffen war sie, wie fantasievoll ihr Werk Gestalt annahm. "Hans-Herman Ehrich als Bäumer ist großartig - jede Geste voller Ausdruck." Ehrich ist im Dauereinsatz: Gleiche Noten, kurze Töne, darauf die Worte setzen, stets in der Bruchlage eines Tenors." Parlando - mitunter wie Filmmusik. Der kommissarische musikalische Leiter der Städtisctien Bühnen und des Symphonieorchesters, Hermann Bäumer (38): "Das ist sehr reizvoll, schließlich betreten wir Neuland, es gibt keine Vorbilder". Sehr gut komponiert sei das Stück. Ein besonderer Kunstgriff ist die Klammer, das Einleitungsthema wird am Schluss wiederholt: Aber man nimmt es ganz anders wahr."

Regisseur Thomas Munstermann ist "sehr glücklich mit dieser ungeheuer intensiven Produktion". Nancy Van de Vate konzentriert in ihrer Vorlage die Handlung auf eindrucksvolle Episoden ("Die Reduktion war die Herausforderung") im Leben des Paul Bäumer. Die Fokussierung auf die Beziehungen Pauls zu Freunden, Familie, Frauen, Feinden und Vorgesetzten schafft in Verbindung mit der Musik, die zwischen düsteren Klangteppichen und melodiösen, fast lyrischen Gesangspassagen wechselt, ein Spannungsfeld zwischen Weltgeschichte und privatem Schicksal eines Menschen in deren Getriebe.


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